Kurz gesagt: Schweiz Tourismus erhält für 2024 bis 2027 einen Bundesbeitrag von maximal 233 Millionen Franken. Der Bund erwartet ausdrücklich, dass die Organisation Gästeströme räumlich verteilt und den Ganzjahrestourismus fördert. Gerade deshalb braucht die nächste Finanzierungsrunde mehr als Reichweiten, Logiernächte und Werbekontakte: Sie braucht nachvollziehbare Kennzahlen dazu, ob stark belastete Orte entlastet und andere Regionen wirtschaftlich gestärkt werden. (seco.admin.ch)
Die aktuelle Debatte wurde durch einen NZZ-Beitrag über Subventionen und Overtourism zugespitzt. Er stellt die Frage, ob das staatlich mitfinanzierte Tourismusmarketing die versprochene Entzerrung von Besucherströmen ausreichend belegen kann. Das ist keine Randfrage der Reisebranche. Es geht um Bundesgelder, um Arbeitsplätze in Berg- und Randregionen sowie um die Belastung von Gemeinden, deren Infrastruktur an Spitzentagen an Grenzen kommt. Die vorliegende Analyse trennt dabei sauber zwischen belegt, plausibel und offen.
Die Lage: Rekorde machen die Wirkungsfrage dringlicher
Die Schweizer Hotellerie verzeichnete 2025 mit 43,93 Millionen Logiernächten den dritten Rekord in Folge. Die Sommer- und die Wintersaison erreichten ebenfalls Bestwerte. Diese nationale Bilanz sagt jedoch noch nicht, wo die zusätzliche Nachfrage anfiel, zu welchen Zeiten sie kam und ob sie in besonders belasteten Destinationen zusätzlichen Druck erzeugte. (dam-api.bfs.admin.ch)
Genau hier liegt der finanzpolitische Punkt: Der Bund finanziert nicht bloss eine Werbekampagne. Schweiz Tourismus ist eine öffentlich-rechtliche Körperschaft mit dem gesetzlichen Auftrag, die Nachfrage für die Schweiz als Reise- und Tourismusland zu fördern. Der Bundesrat beschreibt daneben auch einen Koordinations- und Beratungsauftrag. Für die laufende Vierjahresperiode sind 233 Millionen Franken Bundesmittel vorgesehen; im Finanzplan von Schweiz Tourismus stehen insgesamt 400,5 Millionen Franken Einnahmen und Ausgaben. Davon sind 245,8 Millionen Franken als Marketingaufwand budgetiert. (seco.admin.ch)
| Was öffentlich finanziert wird | Was daraus noch nicht folgt |
|---|---|
| Landesmarketing, Marktauftritte, Beratung und Koordination | Dass jede zusätzliche Übernachtung an einem geeigneten Ort und zu einer geeigneten Zeit entsteht |
| Digitale Besucherinformation mit Auslastungsprognosen für rund 500 Points of Interest | Dass die tatsächliche Belastung einzelner Orte dauerhaft sinkt |
| Förderung von Ganzjahrestourismus und längeren Aufenthalten | Dass lokale Wertschöpfung, Wohnqualität und Infrastrukturkosten in einem guten Verhältnis stehen |
Der Bund hält fest, dass Schweiz Tourismus mit Werbung Gäste über die ganze Schweiz verteilen und den Ganzjahrestourismus fördern soll. Die Organisation nutzt laut Bundesbotschaft zudem Telekommunikationsdaten, um auf MySwitzerland.com für rund 500 Sehenswürdigkeiten eine Dreitagesprognose zum erwarteten Besucheraufkommen anzuzeigen. Das sind sinnvolle Instrumente für Information und Lenkung. Ob sie Hotspots messbar entlasten, lässt sich aus der veröffentlichten Beschreibung allein aber nicht ableiten. (seco.admin.ch)
Was heute gemessen wird – und wo die Lücke bleibt
Schweiz Tourismus verfügt laut Bundesrat über ein Wirkungsmodell, das den Zusammenhang zwischen Marketingaktivitäten, beeinflussten Übernachtungen und Umsätzen repräsentativ abbilden soll. Die damals ausgewiesene Schätzung: Bei rund 14 Prozent der Übernachtungen in Hotellerie und Parahotellerie werde die Reise- oder Übernachtungsentscheidung durch Schweiz Tourismus beeinflusst. Die zugrunde liegende letzte ordentliche Schätzung bezog sich allerdings auf das Tourismusjahr 2017. (seco.admin.ch)
Eine solche Messung kann für die Frage nach der Nachfragewirkung nützlich sein. Für die Overtourism-Debatte genügt sie nicht. Sie beantwortet weder, ob eine Kampagne zusätzliche Besuche in bereits überlastete Orte gelenkt hat, noch ob sie Aufenthalte in Nebensaisons, weniger bekannten Regionen oder unterausgelasteten Betrieben erzeugte.
Merksatz: Eine hohe touristische Nachfrage ist kein Beweis für eine gute öffentliche Tourismusförderung. Der Beweis beginnt erst dort, wo zusätzliche Nachfrage mit dem richtigen Ort, dem richtigen Zeitpunkt und einer tragfähigen lokalen Belastung verknüpft wird.
Vier Kennzahlen für die nächste Finanzierungsrunde
Die Vernehmlassung zur Standortförderung 2028 bis 2031 lief vom 25. Februar bis zum 1. Juni 2026. Der Bundesrat will für die gesamte Standortförderung dieser Periode 392,21 Millionen Franken beantragen; die Tourismuspolitik bleibt darin ein Instrument zur Stärkung der Regionen. Damit ist der Zeitpunkt günstig, die Wirkungskontrolle präziser zu fassen. Ein neuer Bundesbeschluss über Schweiz Tourismus liegt damit noch nicht vor. (admin.ch)
- Zusätzliche Logiernächte in Zielregionen: Nicht das Schweizer Total zählt, sondern die Entwicklung in Regionen, die bewusst aufgebaut oder ausserhalb der Spitzenzeiten belebt werden sollen. Vergleiche brauchen eine Ausgangslage und ähnliche Regionen ohne Kampagne.
- Saison- und Wochentagswirkung: Der Anteil der Übernachtungen in Nebenzeiten ist aussagekräftiger als die Summe aller Besuche. Eine zusätzliche Augustnacht in einem ohnehin vollen Ort ist etwas anderes als eine Novembernacht in einer Region mit freien Kapazitäten.
- Lokale Belastung und Akzeptanz: Gemeinden sollten regelmässig vergleichbare Daten zu Verkehrsaufkommen, Auslastung öffentlicher Räume, Abfall, zusätzlichen Infrastrukturkosten und Akzeptanz in der Bevölkerung veröffentlichen. Nicht jede Belastung lässt sich verhindern; sie soll aber sichtbar werden.
- Wertschöpfung pro öffentlichem Franken: Ausgewiesen werden sollte nicht nur ein modellierter Umsatz, sondern auch, welcher Anteil der Wirkung in Zielregionen, bei kleineren Betrieben und in der Nebensaison ankommt. Methode, Annahmen und Grenzen gehören offengelegt.
Die Verantwortung liegt nicht bei Schweiz Tourismus allein
Es wäre zu einfach, die nationale Marketingorganisation für jedes Gedränge verantwortlich zu machen. Zugangsbeschränkungen, Car-Routen, Parkplatzbewirtschaftung, ÖV-Angebote, Ortsplanung und Kurtaxen liegen weitgehend bei Destinationen, Gemeinden, Kantonen oder privaten Leistungsträgern. Aus dem nationalen Marketingauftrag folgt deshalb keine alleinige Steuerungshoheit über lokale Kapazitäten. Das ist eine naheliegende Folgerung aus der Aufgabenverteilung, nicht der Nachweis, dass die heutige Zusammenarbeit überall genügt. (seco.admin.ch)
Der Bund fördert bereits Projekte, welche die Schnittstelle zwischen Tourismus, Bevölkerung und Gästen bearbeiten. So unterstützt Innotour eine Toolbox zur Tourismussensibilisierung mit 115'500 Franken; sie soll Destinationen und Gemeinden bei Prävention, Dialog und Konflikten helfen. Das ist ein konkreter Ansatz. Eine Toolbox misst jedoch noch keine Entlastung. Entscheidend wird sein, ob die beteiligten Orte ihre Ausgangslage, Ziele und Resultate vergleichbar dokumentieren. (seco.admin.ch)
Was das für Steuerzahlende und Regionen bedeutet
- Für Steuerzahlende: 233 Millionen Franken in vier Jahren sind kein abstrakter Marketingposten. Öffentliche Finanzierung ist dann gut begründet, wenn ihr regionaler und saisonaler Zusatznutzen transparent wird.
- Für touristische Regionen: Mehr Gäste können Ganzjahresarbeitsplätze und Investitionen sichern. Diese Wirkung ist besonders wertvoll, wenn sie planbar ausserhalb der Spitzentage und nicht nur an wenigen bekannten Orten entsteht.
- Für Anwohnerinnen und Anwohner: Sie brauchen keine symbolische «Akzeptanzmessung», sondern Einsicht darin, welche Belastungen entstehen, wer sie finanziert und welche Massnahmen tatsächlich wirken.
- Für Reisende: Belastbare Auslastungsinformationen können helfen, Reisezeit und Ausflugsziel anders zu wählen. Ihre Wirkung steigt, wenn sie mit attraktiven Alternativen und funktionierendem Verkehr verbunden sind.
Unsicherheit: Was sich aus den Daten nicht behaupten lässt
Aus Rekordzahlen für die Hotellerie lässt sich nicht folgern, dass Schweiz Tourismus die Hotspots verschärft hat. Ebenso wenig beweist ein nationales Wirkungsmodell, dass diese Hotspots entlastet wurden. Wechselkurse, Flugverbindungen, Wetter, weltweite Konjunktur, Social Media und Kapazitätsentscheide vor Ort beeinflussen die Nachfrage gleichzeitig. Mehr dazu: Kredit privat: Warum es sich in der Schweiz oft schwerer anfühlt, als man erwartet.
Die faire Schlussfolgerung lautet deshalb: Die öffentliche Tourismusförderung hat einen breiten wirtschaftlichen Auftrag und darf nicht auf Besucherbegrenzung reduziert werden. Wo sie jedoch mit räumlicher Verteilung, Nebensaison und nachhaltiger Entwicklung argumentiert, muss sie diese Wirkung künftig orts- und zeitbezogen nachweisen. Die nächste Finanzierungsperiode bietet die Chance, aus einer plausiblen Absicht einen überprüfbaren Leistungsauftrag zu machen.
Quellen
- NZZ: Subventionen trotz Overtourism – redaktioneller Impuls für die aktuelle Debatte.
- SECO / Bundesrat: Botschaft zur Standortförderung 2024–2027 – Finanzrahmen, Auftrag und Wirkungsmodell von Schweiz Tourismus.
- BFS: Touristische Beherbergung im Jahr 2025 – definitive Logiernächtezahlen.
- Bundesrat: Vernehmlassung zur Standortförderung 2028–2031 – aktueller Prozess der nächsten Finanzierungsperiode.
- SECO: Toolbox Tourismussensibilisierung – Beispiel einer geförderten Massnahme für Destinationen und Gemeinden.

