Die neue Nachricht: Die Schweizerische Nationalbank (SNB) hat am 2. Juli 2026 ihren Finanzstabilitätsbericht veröffentlicht und darin die Schweizer Anlagefonds erstmals besonders ausführlich eingeordnet. Ende 2025 umfasste der Sektor laut SNB rund 1’600 Milliarden Franken; über die vergangenen zehn Jahre wuchs er nominal im Schnitt um rund 8 Prozent pro Jahr. Die SNB beurteilt das direkte Risiko von Anlagefonds für die Finanzstabilität insgesamt als gering. Sie hält aber fest, dass Liquiditätsmanagement, Meldungen und Stresstests an Bedeutung gewonnen haben und weitere regulatorische Anpassungen an internationale Standards geprüft werden sollten. (snb.ch)
Für private ETF-Sparerinnen und ETF-Sparer ist das kein Signal, Positionen hektisch umzuschichten. Die sachliche Konsequenz liegt an anderer Stelle: Ein ETF ist zwar an der Börse handelbar, doch sein Risiko erschöpft sich nicht im täglich sichtbaren Kurs. Entscheidend sind das Portfolio im Fonds, die rechtliche Produktform und die Bedingungen, zu denen ein Auftrag tatsächlich ausgeführt wird.
Der SNB-Befund ist kein ETF-Alarm
Die SNB beschreibt den Fondssektor aus einer Systemperspektive. Ihr Befund lautet: Schweizer Anlagefonds sind meist wenig oder gar nicht fremdfinanziert und haben tendenziell geringere Liquiditätsrisiken als Banken. Wegen ihrer Verflechtungen mit dem übrigen Finanzsystem können sie Marktbewegungen dennoch weitergeben oder verstärken. (snb.ch)
Das sagt nichts über die künftige Rendite eines einzelnen ETF aus. Ebenso wenig ist die Zahl von 1’600 Milliarden Franken eine vollständige Bestandesaufnahme aller ETF in Schweizer Privatdepots: Der SNB-Abschnitt bezieht sich auf Schweizer kollektive Kapitalanlagen nach Kollektivanlagengesetz. Für ausländische Fonds, die in der Schweiz nicht qualifizierten Anlegerinnen und Anlegern angeboten werden, führt die FINMA ein Genehmigungsverfahren und eine laufend aktualisierte Liste. Diese Liste wurde am 15. Juli 2026 aktualisiert. (finma.ch)
Einordnung: Die Aufsicht über Fonds und die Handelbarkeit eines Börsenprodukts sind zwei verschiedene Dinge. Für den persönlichen Entscheid bleibt daher die konkrete ISIN wichtiger als ein allgemeines Etikett wie «ETF» oder «börsenkotiert».
ETF-Risiko hat drei Ebenen
| Ebene | Worauf sie sich bezieht | Was konkret zu prüfen ist |
|---|---|---|
| Marktrisiko | Die Wertentwicklung der gehaltenen Aktien, Anleihen oder anderen Anlagen. | Index, Länder, Branchen, grösste Positionen und allfällige Fremdwährungen. |
| Produktrisiko | Die rechtliche und wirtschaftliche Konstruktion. | ETF oder ETP, Fondsdomizil, Replikationsmethode sowie Verkaufsprospekt und Basisinformationsblatt. |
| Handelsrisiko | Der Preis und die Kosten bei Kauf oder Verkauf an der Börse. | Geld-/Briefkurs, Spread, Börsenplatz, Depotgebühren und Zeitpunkt des Handels. |
Diese Ebenen werden leicht vermischt. Ein globaler Aktien-ETF kann beispielsweise breit gestreut sein und trotzdem während bestimmter Handelszeiten einen grösseren Geld-/Brief-Spread aufweisen. Umgekehrt macht ein enger Spread ein konzentriertes Themenprodukt nicht automatisch risikoarm.
Warum die Handelszeit den Preis beeinflussen kann

An der SIX stellen Market Maker für ETFs verbindliche Kauf- und Verkaufskurse. Die Vorgaben hängen jedoch davon ab, ob die Märkte der zugrunde liegenden Wertpapiere gerade geöffnet sind. Bei Aktien-ETFs mit mehrheitlich geöffneten Heimatmärkten dürfen die Kurse für ein Mindestvolumen von 50’000 Euro höchstens 2 Prozent vom indikativen Nettoinventarwert abweichen. Sind die zugrunde liegenden Aktienmärkte geschlossen, gilt für dieselbe Mindestgrösse stattdessen ein maximaler Spread von 5 Prozent. SIX nennt als Beispiele unter anderem US-Aktien vor Öffnung der New Yorker Börse sowie asiatische Märkte während der Schweizer Handelszeit. (six-group.com)
Das bedeutet nicht, dass ein ETF in solchen Phasen zwingend zu einem ungünstigen Preis gehandelt wird. Die Regeln beschreiben Obergrenzen und nicht den tatsächlich bezahlten Spread. Sie zeigen aber, weshalb ein sichtbarer Börsenkurs nicht immer dieselbe Präzision hat: Wenn ein Teil der zugrunde liegenden Märkte ruht, muss der Market Maker Werte schätzen.
Konkreter Nutzen: Vor einer Transaktion lassen sich Geldkurs, Briefkurs und deren Differenz prüfen. Diese Differenz ist neben Courtagen und allfälligen Währungsumrechnungen ein unmittelbarer Bestandteil der Ausführungskosten. Mehr dazu: FINMA-Fall zu illiquiden Anleihen: Was Anleger jetzt prüfen sollten.
ETF und ETP: Ähnlicher Bildschirm, andere Konstruktion
Die wachsende Produktauswahl erhöht das Risiko von Verwechslungen. SIX meldete im Juni 2026 bereits 37 ETF-Anbieter und mehr als 2’200 ETFs an der Schweizer Börse; zugleich kommen laufend aktiv verwaltete ETFs hinzu. Mehr Auswahl ist keine Qualitätsaussage. Sie macht die Produktprüfung wichtiger. (six-group.com)
| Bezeichnung | Grundstruktur | Wichtige Folge |
|---|---|---|
| ETF | Börsengehandelter Fonds beziehungsweise kollektive Kapitalanlage. | Das Fondsvermögen und die Anlagestrategie stehen im Zentrum der Prüfung. |
| ETP | Besicherte Inhaberschuldverschreibung, die einen Basiswert unverändert oder mit Hebel nachbilden kann. | Ein ETP ist kein Anlagefonds nach Kollektivanlagengesetz und unterliegt nicht der Fondsaufsicht der FINMA. |
Die Begriffe stehen in vielen Depotansichten nahe beieinander. Rechtlich sind sie nicht gleich. SIX hält ausdrücklich fest, dass ETPs keine kollektiven Kapitalanlagen sind; bei ihnen sollte deshalb insbesondere die Emittentin, die Besicherung und die genaue Ausgestaltung in den Produktunterlagen gelesen werden. (six-group.com)
Drei Prüfungen vor dem nächsten ETF-Auftrag
- ISIN statt Marketingname prüfen. Die ISIN führt zur konkreten Anteilsklasse. Sie verhindert Verwechslungen zwischen ausschüttenden und thesaurierenden Varianten, Währungsanteilsklassen sowie ETF und ETP.
- Risiken und Kosten in den Unterlagen lesen. Nach Finanzdienstleistungsverordnung umfasst die Risikoaufklärung unter anderem Funktionsweise, Verlustrisiken und mögliche Verpflichtungen. Die Kosteninformation soll einmalige und laufende Kosten sowie Kosten bei Erwerb oder Veräusserung erfassen; diese Angaben können im Basisinformationsblatt oder Prospekt stehen. (newsd.admin.ch)
- Den angezeigten Spread einordnen. Geld- und Briefkurs sind Momentaufnahmen. Bei Fonds mit US-, asiatischen oder weniger liquiden Basiswerten kann die Aussagekraft des Kurses von der Öffnungszeit der jeweiligen Heimatmärkte abhängen. SIX veröffentlicht dafür verbindliche Market-Making-Vorgaben, doch Depotbank, Handelsplatz und Gebührenmodell beeinflussen die tatsächliche Ausführung zusätzlich. (six-group.com)
Die FINMA-Liste genehmigter ausländischer kollektiver Kapitalanlagen kann dabei ein sinnvoller Kontrollpunkt sein, wenn ein Fonds in der Schweiz an Privatkundschaft angeboten wird. Sie ersetzt aber weder die Lektüre der Unterlagen noch eine Prüfung, ob Risiko, Anlagehorizont und persönliche finanzielle Lage zusammenpassen. (finma.ch)
Was offen bleibt
Der SNB-Bericht ist eine Stabilitätsanalyse, keine Prognose für Aktienmärkte, Zinsen oder einzelne ETF-Kurse. Er kann auch nicht beantworten, wie sich ein bestimmter Spread in einem konkreten Depot entwickelt. Das hängt unter anderem von Marktphase, Börsenplatz, Orderart, Handelswährung und Preisverzeichnis der jeweiligen Bank oder des Brokers ab. Mehr dazu: Quantencomputer: FINMA drängt Banken zum Handeln – was E-Banking-Kunden jetzt wissen sollten.
Merksatz: Die neue SNB-Einordnung verlangt keine hektische Reaktion. Sie erinnert daran, beim Investieren drei Fragen getrennt zu beantworten: Was steckt im Produkt? Welche rechtliche Struktur hat es? Und zu welchem Preis wird es tatsächlich gehandelt?
Quellen
- Schweizerische Nationalbank: Bericht zur Finanzstabilität 2026, 2. Juli 2026
- FINMA: Asset Management und Genehmigung von Fondsangeboten an nicht qualifizierte Anlegerinnen und Anleger
- SIX Swiss Exchange: ETF-Handel und Market-Making-Vorgaben
- SIX Swiss Exchange: ETPs und ihre rechtliche Einordnung
- Bund: Finanzdienstleistungsverordnung – Informationen über Risiken und Kosten

